Die neue Dauerausstellung der Stiftung Moritzburg

"In jeder neuen Sehform kristallisiert
sich ein neuer Inhalt der Welt."
Heinrich Wölfflin
"Ein Bild ist nie allein.
Was zählt, ist die Beziehung zwischen den Bildern."
Gilles Deleuze

Im Westflügel der Moritzburg wird die Dauerausstellung zur Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart ihren Platz finden. Besondere Konzentrationen erfahren die Sammlung Hermann Gerlinger, die Halle-Bilder von Lyonel Feininger mit einem Ausblick auf seine Motive, den Dom und den Markt, Gemälde aus dem Bildernachlass des Regisseurs Einar Schleef, die miniaturhaften Werke des halleschen Malers Albert Ebert und Schmuck aus Halle. Im Süden des Westflügels stellt ein Übergang zum Talamt die Anbindung an Wehrgang und Kuppelsaal her, in denen die Kunst des deutschen Impressionismus und des 19. Jahrhunderts gezeigt werden. Der Nordflügel ist auf zwei Ebenen Sonderausstellungen vorbehalten.

Ein neuer Blick auf die Sammlung
In den neuen Ausstellungsräumen des Westflügels kann die Sammlung der Moderne der Stiftung Moritzburg erstmals seit 100 Jahren umfänglich gezeigt werden. Dies ermöglicht einen neuen Blick auf bekannte, lange nicht gesehene und neu erworbene Werke der Sammlung. Ihre Präsentation folgt einem Prinzip, das auf die Wirkung herausragender Einzelwerke ebenso setzt wie auf Zusammenhänge und Korrespondenzen, auf Gegenüberstellungen und Konfrontationen. Auf einer Fläche von fast 1500m² treffen sich die Werke der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in neuen Bezügen.

In den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begründete das Museum seinen Ruf durch seinen großartigen Bestand zeitgenössischer Kunst, die als legendäre Epoche der Klassischen Moderne in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Im Verbund mit der Sammlung Hermann Gerlinger, die sich den Künstlern der „Brücke“ verschrieben hat, wird der äußerst qualitätvolle eigene Bestand des Expressionismus, Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit, der nach den dunklen Zeiten des Nationalsozialismus wieder zusammengetragen werden konnte, diese Tradition des Museums in bisher nicht gekanntem Maße neu aufleben lassen: Die Moritzburg wird wieder zu einem Ort, an dem die Moderne sich als lebendige Gegenwart in die Geschichte stellt und spannungsvoll mit zeitgenössischer wie historischer Architektur korrespondiert.

Gemälde, Skizzen und Photographien aus dem Halle-Zyklus von Lyonel Feininger, der zwischen 1929 und 1931 im Torturm der Moritzburg entstanden ist, werden auf der Galerie an einem herausgehobenen Ort präsentiert, der zugleich einen einzigartigen Blick über die Türme und Dächer der Stadt Halle bietet.

Die Kunst von 1945 bis zur Gegenwart, als zweiter Teil der Moderne, findet im Obergeschoss in einem großen, reinen Raum, der sich mit seinem Oberlicht zu monumentaler Höhe weitet, einen angemessenen Rahmen. Werke aus den deutschen Nachkriegsjahren, einschließlich der Kunst aus der DDR, werden dort in einen Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten treten, der die Utopien, Spannungen und Brüche der Zeit sichtbar werden lässt, aber auch Korrespondenzen und Auseinandersetzungen in der Kunst der Gegenwart aufzeigt.

Moderne Eins

Die Werke des frühen Max Beckmann, in denen sich die Vibrationen einer tiefen Krise bürgerlicher Lebensordnung ankündigen, stehen – als Parenthese – zusammen mit Gustav Klimt und Edvard Munch für den Auftakt der Moderne im 20. Jahrhundert. Die Ideale der neuen Kunst, mit ihrem Streben nach Ursprünglichkeit und Vergeistigung, erfahren im Ersten Weltkrieg eine tiefe Verunsicherung und Prüfung, die in den Werken der „Brücke“-Maler, der Künstler um den Almanach „Der Blaue Reiter“ und in Wilhelm Lehmbrucks Plastiken zu eindringlicher Formulierung gelangen.

Dem Konstruktivismus mit seiner Idee von den kristallinen Strukturen einer überpersönlichen, geklärten Welt, stehen Verismus, Magischer Realismus und der Surrealismus gegenüber, in denen die gegenständliche Erscheinung zu einem Vexierbild hintergründiger Kräfte wird.

Zusammen mit der Sammlung Gerlinger und einigen weiteren Leihgaben aus Privatbesitz bieten die Werke der Malerei, Plastik, Graphik und Photographie aus den Beständen der Stiftung Moritzburg ein reiches und vielseitiges Bild einer von gesellschaftlichen Erschütterungen und künstlerischen Neuansätzen gezeichneten Epoche.

Sammlung Hermann Gerlinger
2001 hat die „Brücke“-Sammlung von Hermann Gerlinger, die zu den bedeu¬tendsten deutschen Privatsammlungen gehört, in der Moritzburg ihr Domizil ge¬funden, drei Jahre später wurde sie mit einem unbefristeten Leihvertrag dauer¬haft an das Haus gebunden. Aus dem reichen Fundus der Sammlung kann die Kunst der „Brücke“ als große deutsche Avantgardebewegung, die dem Expressionismus im frühen 20. Jahrhundert zum Durchbruch verhalf, sinnfällig und differenziert gezeigt werden. Im Mittelpunkt steht die eigentliche Zeit der „Brücke“ – erst in Dresden, dann in Berlin – mit den sinnlichen, farbstarken Gemälden, Holzschnitten, Zeichnungen und Aquarellen der jungen Malerfreunde Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein und Mueller. Seltene Dokumente und Zeitzeugnisse verdeutlichen Struktur und Genese der Künstlergruppe. Ebenso eindrucksvoll wird die weitere Entwicklung der Künstler, vom homogenen „Brücke“-Stil zum eigenen, individuellen Ausdruck in den 1920 und 1930er Jahren aufgezeigt, denn die Sammlung Gerlinger verfolgt das Schaffen der „Brücke“-Maler monografisch von ihren frühesten Anfängen bis ins reife Spätwerk. Die Dauerausstellung, die überwiegend aus graphischen Arbeiten besteht, wird turnusmäßig wechseln und so immer neue Themen behandeln. In einem separaten Kabinett im Nordwestturm steht der expressionistische Schmuck der Sammlung Hermann Gerlinger im Mittelpunkt einer Präsentation, die Schmuckgestalter aus Halle vom frühen 20. Jahrhundert bis heute vorstellt.

Die Halle-Bilder von Lyonel Feininger
Auf Betreiben des Museums-Direktors Alois Schardt erhielt der seit 1926 im nahe gelegenen Dessau als Bauhausmeister tätige Lyonel Feininger vom damaligen Regierungspräsidenten den Auftrag zu einer Stadtansicht von Halle. Schardt richtete dem Maler im Torturm der Moritzburg ein Atelier ein, in dem Feininger zwischen 1929 und 1931 nach Naturnotizen und Photographien nicht nur ein Gemälde sondern eine Serie von elf Gemälden schuf, die das Museum zusammen mit 28 ausgeführten Zeichnungen erwarb. Bis auf wenige Zeichnungen gingen der Moritzburg all diese Werke 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ verloren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang der Rückerwerb der beiden Gemälde „Marienkirche mit dem Pfeil“ (1930) und „Der Dom zu Halle“ (1931). In jüngster Zeit konnte ein außergewöhnliches, bis dato unbekanntes Konvolut von „Naturnotizen“ erworben werden. Es besteht Hoffnung, dass ein drittes Gemälde aus dem Zyklus, das den „Roten Turm“ zeigt, in naher Zukunft für das Museum angekauft werden kann.

Moderne Zwei

Unter dem Titel „Zeit-Sprünge“ werden Werke aus den Sammlungen Malerei, Plastik, Grafik und Photographie, an denen sich die rasanten Veränderungen und Brüche der jüngeren Zeitgeschichte ebenso wie der Wandel des Werkbegriffes in der Kunst und neue künstlerische Strategien ausmachen lassen, in dialogischen Situationen gegenübergestellt.

Die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen und künstlerischen Neubeginn nach 1945 verband sich mit der Anknüpfung an die Heroen der Klassische Moderne, insbesondere an Picasso, der im frühen Werk hallescher Maler wie Willi Sitte, Hermann Bachmann oder Herbert Kitzel untrüglich durchscheint. Während Kitzel und Bachmann die DDR verließen, bekehrte sich Sitte zu einer mit modernen Mitteln angereicherten vitalistischen Malerei des „Sozialistischen Realismus“. In der DDR wurde eine Kunst konserviert, die sich einem mehr oder weniger kultivierten Realismus mit leisen Zugriffen auf die Klassische Moderne und westliche Kunstentwicklungen verschrieb, und sich thematisch der deutschen Geschichte, den Verwerfungen zwischen den beiden deutschen Staaten und der Lebenswirklichkeit in der DDR widmete. In diesem Rahmen sind Maler wie Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke ihre sehr unterschiedlichen künstlerischen Wege gegangen, während ein Künstler wie Hermann Glöckner in Dresden in seiner Zurückgezogenheit ein konstruktiv-konkretes Werk auf ein hohes geistiges und künstlerisches Niveau führte. Glöckners Radikalität und Unbeirrbarkeit im Anspruch auf die Autonomie der Kunst stimulierten und stärkten jüngere Künstler wie Horst Bartnig, Günter Hornig und Hanns Schimanski, deren Werke auch im gegenwärtigen Kunstgeschehen ihren Rang behaupten. Eine realitätsbezogene und damit notwendigerweise kritische und fragende Sicht auf die Lebenswirklichkeit „DDR“, ihre zunehmend verschleißenden Ideale und Ressourcen, ihre von tragisch bis kleinbürgerlich wirksam werdende Enge forderten die Auseinandersetzung ebenso heraus wie eine existentielle und künstlerische Positions- und Identitätsbestimmung. Den vielleicht unmittelbarsten Ausdruck dafür findet man in der Fotografie, die in der Ausstellung von der Porträt- über die Landschaftsfotografie bis zur freien künstlerischen Fotografie der Gegenwart reicht und die in wechselnder Auswahl, u.a. mit Serien von Helga Paris, Christian Borchert, Gundula Schulze-Eldowy sowie Thomas Florschütz und Inge Rambow gezeigt wird. Mit der zunehmenden Brüchigkeit der Verhältnisse in der DDR geriet auch die saturierte Konsumgesellschaft stärker in den Blick. Die siebziger und achtziger Jahre sind in der Kunst im Westen wie – verhaltener - im Osten von der Suche nach Lebensmaßstäben, nach Sinnstiftung und nach anderen künstlerischen Formen, Strategien und Medien geprägt. Dafür stehen Werke von Wolfram Ebersbach, Sabina Grzimek, Peter Göschel, Hans Hendrik Grimmling, Hartmut Bonk und Peter Makolies, Gemälde aus dem Bildernachlass des Theatermannes Einar Schleef und von Astrid Klein.

Positionen der internationalen und deutschen Gegenwartskunst, die geistesgeschichtliche und werkimmanente Brücken zur Geschichte des Museums, der Region und zum Profil der Sammlung schlagen, wie auch Diskrepanzen und Brüche sichtbar machen, sind mit Werken von Per Kirkeby, Nan Hoover, Rolf Julius oder Jorinde Voigt vertreten. Ohne die westeuropäische Kunstentwicklung nachholen zu wollen und zu können, werden wichtige künstlerische Positionen und radikale Neuansätze, die für die Kunst der Gegenwart eine zentrale Bedeutung gewonnen haben, in Film- und Medienarbeiten vorgestellt. Die Moderne Teil Zwei wird in regelmäßigen Zeitabständen Veränderungen und Umformulierungen erfahren, die dem Umfang der Bestände und der offenen Entwicklung der Gegenwartskunst Rechnung tragen.

Einar Schleef
Der Bildernachlass des Theaterregisseurs und Autors Einar Schleef, der 2004 von den Erben der Stiftung Moritzburg als Dauerleihgabe anvertraut wurde, enthält mit 156 Gemälden und mehr als 6000 Zeichnungen ein fast geschlossenes Lebenswerk, das bisher nur im Privaten existierte und vom Museum sukzessive in einem Werkverzeichnis erfasst wird. Schleefs Malerei passt hervorragend zum Profil der Stiftung Moritzburg, basiert sie doch auf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Expressionismus und der Moderne, ohne jede Spur von Eklektizismus. Die Themen seiner Gemälde, die in den 1980er und 1990 Jahren entstanden, als Schleef im Westen geblieben war, kreisen wie seine Texte um sein Leben und Tun, sie finden in Farbe und Form zu packendem und schmerzlichem Ausdruck. Im Wechsel werden Gemälde aus verschiedenen Themen- und Werkgruppen zu sehen sein.

Albert Ebert
Der oft als der „hallesche Naive“ bezeichnete Albert Ebert (1906 - 1976), von dem die Stiftung Moritzburg eine umfangreiche Sammlung an Gemälden und das gesamte druckgrafische Werk bewahrt, entwickelte im Kontakt mit Künstlern in Halle, die sich nach dem Krieg an der klassischen Moderne orientierten, ein eigenwilliges und phantasievolles Werk. In seinen kostbaren Miniaturen blickt Ebert, der sich aufwendige altmeisterliche Techniken in den Werkstätten der Burg Giebichenstein abschaute, auf seine nächste Umgebung, auf Menschen und Orte mit einer verzaubernden Phantasie und einem jenseits des „sozialistischen“ Realismus liegenden Wirklichkeitssinn.

Kunst des 19. Jahrhunderts und des deutschen Impressionismus

In Talamt, Wehrgang und Kuppelsaal wird die kleine, ausgewählte Sammlung des 19. Jahrhundert präsentiert, die Werke von der Romantik über das Biedermeier bis zu den Deutsch-Römern enthält. Hervorzuheben sind ein seltenes, Caspar David Friedrich zugeschriebenes Transparentbild, die italienischen Ölskizzen von Carl Blechen und zwei herausragende Gemälde von Hans von Marées. Die reichen Bestände an Gemälden und Ölskizzen des in seiner Zeit als „Raffaele dei Fiori (Raffael der Blumen)“ gewürdigten und bei Halle heimischen Malers Adolf Senff (1785 – 1863) sind ein besonderer Augenschmaus. Am Übergang in das 20. Jahrhundert stehen mit ihrer ausdrucksgeladenen Form die Werke des belgischen Bildhauers Georg Minne. In den Werken von Carl Schuch und Max Klinger, besonders aber in den Gemälden der deutschen Impressionisten, unter denen Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth heraus ragen, kündigen sich die moderne Wirklichkeit und ihre Umsetzung in neue künstlerische Sprachen an.

Schlussbemerkung
Die Stiftung Moritzburg besitzt eine ausgefallene kleine, eher intime Sammlung, die aus bedeutenden Einzelwerken und kleinen Werkgruppen vorzüglicher Qualität wie auch manch originellem Einzelgänger besteht. All diese Werke fügen sich zu einem Bild der Kunst des 20. Jahrhunderts zusammen, nicht zu einem lückenlosen Bild, aber zu einem, das die Stimmungen der Epoche bezeichnet. Die Sammlung wird entlang der Schwerpunkte vertieft und in die Gegenwart fortgeführt, dabei werden bewusst künstlerische Positionen auch abseits des Mainstreams in den Blick genommen.